__ Einfalt

 


 


 


 

PROGRAM




Mathias Steinauer
Einfalt, op.33 (2019-21)
11 Lieder zu Textfragmenten von Du Fu (712-770)
und Visuals von John Lavery (1856-1941)
für Stimme/Synthesizer & 
Blockflöte/Projektion, UA/WP

eingerichtet von UMS ´n JIP







IDEA


UMS ´n JIP und das Kunstlied. Über 300 Auftragswerke und 1200 Konzerte in über 40 Ländern haben UMS 'n JIP seit 2007 hinter sich und dabei einzelne Werke – und dies ist für die Neue Musik weltweit einmalig – über 100 Mal gespielt: künstlerische und qualitative Relevanz sind dank diesem kompromisslosen Kurs selbstredend. Parallel zu ihrer Arbeit als Interpreten verfolgen sie auch eine Laufbahn als KomponistInnen und gewinnen als solche über 20 internationale Auszeichnungen. Ihre Fokusse dabei sind unter anderem die Diskussion klassischer Gattungen - in diesem Fall das Kunstlied der Romantik, welches im ausgehenden 18. Jahrhundert entstand und bis Mitte des 20. Jahrhundert seine Blüte erlebte. Die dem Kunstlied innewohnende Raffinesse auf kompositorischer wie textlicher Ebene ist eine besondere Herausforderung. Die studien- und berufsbedingte persönliche Affinität und Anlage des Duos (Stimme, Blockflöten und Elektronik) bieten ein reizvolles Terrain für eine ganz besondere Annäherung an eine Gattung, welche wie kaum eine andere eine Symbiose von Text und Musik zu erreichen wusste. Zum Zuge kommt hier der Schweizer Komponist Mathias Steinauer, seit Jahren ein Weggefährte des Ensembles und bestens mit dessen Arbeit vertraut, so dass der Werkauftrag eine logische Folge der bereits vollzogenen Arbeit ist.

UMS 'n JIP and the art song (Lied). Since 2007, UMS 'n JIP have performed over 300 commissioned works and 1200 concerts in over 40 countries, playing individual works - and this is unique for new music worldwide - over 100 times: artistic and qualitative relevance are self-evident thanks to this uncompromising course. Parallel to their work as performers, they also pursue a career as composers, and as such have won over 20 international awards. Their focus is, among other, the discussion of classical genres - in this case, the art song of the Romantic period, which originated in the late 18th century and flourished until the middle of the 20th century. The specific set of the duo (voice, recorders and electronics) and their personal affinity to poetry and literature offer an attractive terrain for a very special approach to a genre which knew how to achieve a symbiosis of text and music like hardly any other.






 

 




TEXTS & PROGRAM NOTES



1. Trommeln trennen die Wege der Menschen.
戍鼓斷人行
In einer Mondnacht an meine jüngeren Brüder denkend (759)

2. Noch immer nicht ist das Klirren der Waffen verstummt.
干戈猶未定
Wisch ich die Tränen, färbt mir Blut das Tuch.
拭淚霑襟血
Aufgelöst (760-765)

3. Nach der Schlacht viel neuer Geister weinen.
戰哭多新鬼
(Traurig singt ein alter Mann allein.)
愁吟獨老翁
In Trauer gefangen schreibe ich hier in die Luft.
愁坐正書空
Im Schnee (755-758)


Sechs Interludien, in die Luft geschrieben...


4a. Weicher in die Grube fällt, wer lustig locker bleibt -
欲填溝壑惟疏放
Der Narr (759)
4b. Libellen schwirren ohne Zahl in Schwärmen auf und ab.
無數蜻蜓齊上下
Mein neues Zuhause (760-765)
4c. Ein Ohrenpaar, so spitz wie Bambuskeile
竹批雙耳峻
Das Tatarenpferd von Hauptmann Fang (736-754)
4d. Nebeldüfte netzen Wolkenlocken.
香霧雲鬟濕
Mondnacht (755-758)
4e. Die Himmelspforte drängt an Sternenbilder.
天闕象緯逼
Wanderung zum Fengxian-Tempel am Drachentor (736-754)
4f. Dem Fremden fallen Tränen bei der Hujia klarem Klang.
客淚墮清笳
Gefühle (759)

5. Vogellärm empfängt den Heimgekehrten
(柴門)鳥雀噪
歸客(千里至)
Von Stürmen wirrer Zeiten fortgerissen
kam nur durch Zufall lebend ich zurück.
世亂遭飄蕩
生還偶然遂
Die Nacht verblasst, wir halten noch die Kerze
und sehn einander an, als wär's ein Traum
夜闌更秉燭
相對如夢寐
Im Dorf der Qiang (755-758)

6. Trennt uns der Tod, werden die Klagen verstummen.
Trennt uns das Leben, nimmt der Kummer kein Ende.
死別已吞聲
生別常惻惻
Von Li Bai geträumt (759)

7. Die Unermesslichkeit der Welt habe ich erfahren
auf meinen Wegen
納納乾坤大
行行(郡國遙)
Im schmalen Kahn treibe ich unnütz
fort ins Greisenalter
扁舟空老去
Blick in die Wildnis (768-770)

8. Im Alter seh ich die Blumen nur noch
wie im Nebel stehn.
老年花似霧中看
Schmetterlinge gaukeln lustig
am offenen Vorhang vorüber.
娟娟戲蝶過閒幔
Im Boot geschrieben, am Tag der kleinen kalten Speise (768-770)

9. Der Himmel glänzt wie neu
am dritten Tag im dritten Mond,
da Chang'ans schöne Damen
an den Ufern promenieren.
三月三日天氣新
長安水邊多麗人
In leuchtenden Farben betörend geschminkt -
edel, stolz und rein.
態濃意遠淑且真
Auf den bestickten Gewändern aus Seide
im späten Frühlingslicht
blitzen die Qilin in silbernen Fäden
und Pfauen goldgewirkt.
繡羅衣裳照莫春
蹙金孔雀銀麒麟
Weidenblütenflocken
decken weissen Kleefarn zu.
楊花雪落覆白蘋
Die Schönen (736-754)

10. Ein halbes Jahrhundert lebte ich
in unerfüllten Wünschen
年過半百不稱意
In der Dämmerung zurückgekehrt (768-770)

11. Süss ist es, gebeugt von Jahren seine Spur zu löschen
衰年甘屏跡
Vom Löschen der Spur (760-765)



Einfalt bezeichnet eine gewisse Begrenztheit des Verstandes und Geradheit des Urteils (...). Sie kann auch als die Abwesenheit von Ziererei, falscher Rücksichtnahme, Verstellung und Unredlichkeit verstanden werden (...)                                        

(F. Kirchners Wörterbuch, 1907)

Auch unserer Spezies ist wohl nur eine begrenzte Zeit gegeben. Seit Jahrtausenden scheinen wir im Kern fast entwicklungsunfähig und stecken in den immer gleich fatalen Lebenssituationen und Sehnsüchten. Was sich ändert ist die Art und Weise wie einzelne von uns dies auszudrücken vermögen: Früchte unseres Daseins.                                    

(M.St.)

Originalhandschriften von Du Fu gibt es keine. Das Chinesisch der Tang-Zeit klang ziemlich anders als das heutige und hatte auch andere Worttöne. Niemand liest diese Gedichte heute in der alten Aussprache. Das ist die Crux der seit über 2000 Jahren unveränderten chinesischen Schriftzeichen, die anders als etwa deutsche Handschriften des Mittelalters die Aussprache nicht festhalten, welche sich dann eben nur noch hypothetisch rekonstruieren lässt. Das moderne Chinesisch hat vier Worttöne, den ebenen, steigenden, fallenden und den tiefen. Die heutigen Töne stimmen aber nicht mit jenen der Tang-Zeit überein. Rhythmisch ist das Chinesische als monosyllabische Sprache im Vergleich zu europäischen Sprachen eher monoton.                

(Raffael Keller, 2019)






 

BIOGRAPHIES


Mathias Steinauer
 was born in Basel and studied piano, composition (Robert Suter / Roland Moser) and music theory (Wolfgang Neininger) at Basel Academy of Music. 
From 1986 until 1988 – composition studies under György Kurtág, Budapest. Since 1986 – teaches music theory and gives courses in new music and composition at Zurich University of the Arts. 2004 – artistic director of the ISCM New World Music Days "trans_it". He has performed and/or lectured at various schools of music, symposia and festivals in many European countries, and in Azerbaijan, China, Brazil, the USA and Japan. Mathias Steinauer lives in Ticino. http://www.mathiassteinauer.com/

Du Fu.
https://de.wikipedia.org/wiki/Du_Fu)

John Lavery.
https://en.wikipedia.org/wiki/John_Lavery

 

 

 

 

 

PHOTOS

 



Mathias Steinauer











visuals from "Einfalt